Arno Schmidt: Aus dem Leben eines Fauns


Der Aussenseiter

Literatur muss Spaß machen und beim Wiederlesen sind die Erzählungen und insbesondere die frühen(Kurz-)Romane Arno Schmidts stets Quelle neuer Entdeckungen und ob seines ungebändigten Wortwitzes auch eine helle Freude.

Arno Schmidt, geboren 1914 in Hamburg, gestorben  1979 in Celle, der Außenseiter noch der literarischen Außenseiter gilt gemeinhin ja als schwierig, eine Menge von Exegeten ist mit seinem Werk, insbesondere dem legendären Text ZETTELS TRAUM befasst und nicht selten wird er auch der deutsche Joyce genannt, alles etwas vorschnell dahingesagt, oft werden in der Literaturkritik -wenn es Ungewohntes zu beurteilen gilt- die Namen Joyce und gerne auch Kafka aus der Schublade geholt. Nein. Ich halte Schmidts Stil und Formgebung seiner Texte für so einzigartig, dass man allgemein gehaltene Vergleiche mit anderen Autoren seiner Zeit kaum anstellen kann. Weiterlesen

Honore de Balzac: Vater Goriot

 Literatur des Realismus

 Nachdem es Honore de Balzac mit Verlorene Illusionen letztes Jahr sogar in einer Neuübersetzung von Melanie Walz noch einmal in die SWR Bestenliste geschafft hat und  damit seine Aktualität bewies, habe ich jetzt  in meinem ungelesenen Bestand  auch wieder zu diesem Klassiker gegriffen und den Roman Vater Goriot ausgewählt. Balzac, dieser unermüdliche Schriftsteller, der mit der Comedie Humaine ein vielfältiges und umfangreiches Werk hinterlassen hat, das immer noch im Kanon der Französischen Literatur weit oben steht und zur Weltliteratur zählt, hat diesen Roman in weniger als sechs Wochen vollendet; er erschien erstmals 1834/35  als Fortsetzungsgeschichte in der Revue de Paris, der gleichen Zeitung, in der zwanzig Jahre später auch Madame Bovary erschien.

Balzac Literaturblog

Honore de Balzac, Archiv: Diogenes Verlag

 Honore de Balzac wurde 1799 als Sohn eines Rechtsanwaltes in Tours geboren, wurde früh an eine Amme abgegeben und erhielt Unterricht in einer Klosterschule. Er studierte in Paris Jura, weigerte sich aber, eine Stelle als Notar anzutreten. Zuerst schrieb er unter den verschiedensten Pseudonymen bis 1825 Unterhaltungsromane, um zu etwas Geld zu kommen. Er war schon früh auf eine Gelegenheit aus, eine reiche Geliebte zu heiraten. Legendär waren seine Verschwendungs- und Prunksucht, es häuften sich riesige Schuldenberge an. Obwohl er seit 1892 großen literarischen Erfolg hatte, fieberhaft schrieb und viele treue Leser hatte, war er bis zuletzt  in Geldnöte verstrickt. Kurz vor seinem Tod 1850 heiratete er noch die Gräfin Evelina Hanska, als er schon schwer krank war.

Der Hauptschauplatz der Geschichte von Vater Goriot ist eine schäbige Pension im Paris des Jahres 1819. Hier hausen verarmte, teils zwielichtige Mieter und Kostgänger unter der Obhut von Madame Vauquer. Wie in einem Drehbuch mit peniblen Regieanweisungen  schildert Balzac, detailverliebt, vom Fußboden mit seinen Dellen und Löchern bis hin zu den verblichenen künstlichen Blumen auf dem Kamin die Bühne für das Spektakel, das sich abspielen wird.

Kein Stadtteil von Paris ist hässlicher, keiner weniger bekannt. Besonders die Rue Neuve-Sainte-Genevieve wirkt wie ein eiserner Rahmen, der diese Geschichte zusammenhält. Eine Geschichte, auf die man den Geist gar nicht genug mit schmutzigen Farben und düsteren Gedanken vorbereiten kann; es ist wie mit dem Tageslicht, das von Stufe zu Stufe abnimmt, während man der widerhallenden Stimme des Führers immer tiefer in die Katakomben hinabfolgt. Der Vergleich stimmt nur zu sehr! Welcher Anblick ist grausamer: vertrocknete Herzen oder hohle Totenschädel?

Balzac hat sich also hinab begeben zur Unterschicht der Stadt Paris. Obwohl im Laufe der Handlung auch vornehmere Viertel ins Blickfeld rücken, hier keimen die Hoffnungen, auf Reichtum vornehmlich, hier hat der Schriftsteller den Raum, sich von der Romantik zu lösen und Lebenswirklichkeit zu zeigen.  In einem Handlungsstrang träumt der mittellose, vom Lande kommende Jurastudent Eugene de Rastignac vom gesellschaftlichen Aufstieg und unternimmt auch gleich die ersten Schritte zu diesem Ziel, indem er erfolgreich  Bettelbriefe an Mutter und Schwester schreibt.

Auf einer zweiten Handlungsebene wird der titelgebende Vater Goriot vorgestellt, ein ehemaliger Nudelfabrikant, der es während der Revolution zu Reichtum und Ansehen gebracht hatte und aus blinder, ja zwanghafter Zuneigung zu seinen Töchtern, die beide in die vornehme Gesellschaft eingeheiratet haben, nach und nach fast sein ganzes Vermögen für sie aufgebraucht hat. Zu diesen zwei Hauptpersonen gesellt sich noch Vautrin, der sich zunächst als einstiger Kaufmann ausgibt und später als Verbrecher verhaftet wird. Seine Funktion entspricht der Mephistos, mit dem man besser keinen Pakt eingeht. Es herrscht Unsicherheit über manchen Personen, über Herkunft und Lebensgeschichte. Das gibt natürlich Stoff für Gerüchte oder Klatsch. Und für den Leser eröffnen sich spannende „Enthüllungen“. Diese schrittweise bis zur vollständigen Aufklärung verfolgte Sichtbarmachung und Erhellung der Charaktere hat etwas von der Methodik eines Kriminalromans und ist als Fortsetzungsgeschichte mit Schnitten an der richtigen Stelle noch zusätzlich mit Spannung geladen. Während man schon denkt, Vater Goriot sei moralisch als Einziger ohne Tadel, erfahren wir, dass sein Aufstieg als Unternehmer während der Hungersnot zur Zeit der Revolution kaltschnäuzig durchgezogenen Getreidespekulationen zu verdanken war.

Das Leben dieser Menschen war im Kleinen das Abbild der menschlichen Gesellschaft im Großenschreibt der Autor.

Die Beschreibung der Atmosphäre in der Pension Vauquer samt dem Personal empfand ich beim Lesen als ein Meisterstück an Beobachtungs-und Darstellungsgabe. Vautrin will Rastignac, natürlich nicht ohne Eigennutz, den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen: Mademoiselle Victorine Taillefer, Mieterin im besseren Teil der Pension, ist verliebt in  den jungen Studenten. Nach dem verbrecherischen Plan Vautrins solle der Bruder von Victorine „beseitigt“ werden, damit diese in den Besitz des väterlichen Vermögens gelangen könne. Rastignac allerdings hat Skrupel und versucht sein Glück zunächst bei den Töchtern von Vater Goriot, Anastasie, jetzt Gräfin de Restaud, und Delphine, jetzt Baronin und Frau des Großbankiers Nucingen. Letztere erhört ihn schließlich und Eugene de Rastignac bekommt ausreichend Gelegenheit hinter die glänzende Fassade des angeblich so vornehmen Salonlebens zu blicken. Desillusioniert muss er mit seinem Freund, dem jungen Arzt Bianchon mitverfolgen, wie die raffsüchtigen und egoistischen Töchter ihrem Vater Goriot, der inzwischen schon im armseligsten Winkel der Pension unterm Dach haust,  buchstäblich das letzte Hemd ausziehen. Am Ende stirbt er einsam wie ein Hund.

Schreiben und Suggestion

Immer wieder liest man, dass realistische Schriftsteller Distanz zu Geschehen und Personal herstellen, das gegenteilige Gefühl hatte ich zumindest bei diesem Roman gerade durch die vielen Kommentare, die Balzac zum Geschehen beisteuert. Und eine Darstellungsweise, die man heutzutage als politisch unkorrekt bezeichnen würde, aber auch heute noch viele praktizieren, ist ebenfalls allgegenwärtig: mit der materiellen Schilderung der Personen wird gleich eine moralische Charakterisierung suggeriert, wenn er z.B. die Pensionsinhaberin Madame Vauquer beschreibt:

Bald darauf erscheint die Witwe, angetan mit einer Tüllhaube, aus der ein schlecht aufgesteckter falscher Haarzopf hängt, in ausgetretenen Pantoffeln, die über den Boden schlurfen. Ihr ältliches, dickliches Gesicht, aus dem die Nase wie ein Papageienschnabel hervorsticht, ihre kleinen, fleischigen Hände, ihre Figur, feist wie eine Kirchenratte, ihr zu volles, wabbelndes Mieder, all das stimmt überein mit diesem Raum, aus dessen Wänden das Unglück sickert, in dem die Spekulation kauert und dessen stinkig laue Luft sie atmet ohne sich zu ekeln.

Die machtvolle Triebkraft allen Handelns ist das Geld und damit das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung. Sicher kann man hier Bezüge zur Gegenwart herstellen, zur Lust-und Leistungsgesellschaft unserer Tage, wenn wir die französische Salonkultur mal vergessen. Insbesondere den jungen Rastignac habe ich als moderne Figur gesehen. Der unbedarfte, naive junge Mann vom Land kommt in die Stadt und soll erstmals eigenverantwortlich mit dem Leben konfrontiert werden. Er wird ausgewildert , um die Kriterien und moralischen Wertungen zu lernen, um ihn „verkehrsfähig“ zu machen. Und an jeder Ecke stehen die Beeinflusser und vermeintlichen Ratgeber. Haben wir nicht noch die Berichte über die Plagiatsdoktoren im Kopf? Berechnung ist in den zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Roman ein vorherrschenden Merkmal. Also, das ist für mich ein Hauptkriterium für einen Klassiker: dass zeitlose Themen präsentiert werden.  Dieses Salonleben allerdings der sogenannten vornehmen Gesellschaft von Paris mit den vielen förmlichen Dialogen war mir beim Lesen doch zu sehr überlebte Vergangenheit, um das in seiner Breite im Roman als interessant oder gar spannend zu finden.

Es gibt Passagen, die sind schwülstig,  übertrieben melodramatisch und beinahe peinlich für heutiges Verständnis: ein Beispiel:

Wenn die Pariserinnen falsch sind, eitel, selbstsüchtig, kokett und kühl, so opfern sie doch, wenn sie wirklich lieben, ihrer Leidenschaft mehr als andere Frauen. All ihre Charakterschwächen wandeln sich im Feuer der Liebe und werden erhaben. 

Aber Balzac schafft eine reiche Welt , vielfarbige Persönlichkeiten, ausdruckstarke Milieuschilderungen und spannende Abläufe. Es wäre unseriös, diesen einen Roman für das Gesamtwerk zu nehmen, er schrieb oft unter großem Zeitdruck, war in seinem privaten Leben häufig einem regelrechten Ansturm der Gläubiger ausgesetzt, da kann es nicht ausbleiben, dass es in Texten zu einem Qualitätsabfall oder zu Ungereimtheiten kommt. Ich hatte auch wie schon lange nicht mehr bei einem Erzähler beim Lesen die konkrete Vorstellung von einem auktorialen Erzähler: auch wenn er die Realität des Dargestellten eindringlich mehrfach betont: Balzac ist es, der die Fäden in der Hand hat, er bringt die Figuren zum Tanzen und auch in tiefe Not.

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Originalmanuskript mit
persönlichen Haben und Schulden-Tabellen
Quelle:balzac.pagesperso-orange.fr

Und am Ende hat er in seinem gesamten Werk über 2000 Personen „erschaffen“.

Der Autor wendet sich an den Leser: Nachdem ihr die geheimen Leiden von Vater Goriot gelesen haben werdet, werdet ihr gut zu Mittag essen, eure Gleichgültigkeit werdet ihr dem Verfasser zur Last legen und ihm Übertreibung und Schönfärberei vorwerfen. Doch ihr sollt wissen: Das Erzählte ist weder Roman noch Erfindung. Alles ist Wahrheit, so wahr, dass jeder die gleichen Regungen in seinem eigenen Herzen wiederzufinden vermag. 

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Cover Vater Goriot, Diogenes Verlag

 

Vater Goriot, Roman, detebe 23993, 308 Seiten, Übersetzung Rosa Schapire,  Erschienen 2009, ISBN 978-3-257-23993-5, 9.90 €,

Bei weiterem Interesse:

Einen hervorragend recherchierten Beitrag findet ihr beim Literaturblog Leopoldsleselampe.

Interessante Seite über die Comedie Humaine(französisch).

 

 

 

Edgar Lawrence Doctorow: In Andrews Kopf

Der 1931 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in New York geborene und letztes Jahr verstorbene E.L. Doctorow-seine beiden Vornamen verweisen auf Edgar Allan Poe und D.H. Lawrence-gehörte in Amerika zu den großen Schriftstellern der Alten Generation wie etwa Philip Roth, John Updike, Susan Sontag, Saul Bellow oder DeLilloSeine früheren auch verfilmten Romane Ragtime und Billy Bathgate werden noch heute in der ganzen Welt bewundert, diese weit ausholenden Zeitgemälde, in denen er Fiktion mit historischen Fakten und Personen raffiniert und gekonnt vermischt. Was so etwas wie sein Markenzeichen wurde. Und er hat außer dem Literatur-Nobelpreis die bedeutendsten Preise erhalten.

E.L.Doctorow Bildquelle:www.kiwi.de, Gasper Tringale

E.L.Doctorow
Bildquelle:www.kiwi.de,
Gasper Tringale

In Andrews Kopf(Originaltitel Andrew’s Brain) hat der Leser gleich zu Anfang einiges zu sortieren und einzuordnen: Der Erzähler, so erfahren wir, der von seinem Freund Andrew, dem Kognitionswissenschaftler, erzählt, ist Andrew selbst. Und er erzählt seine Geschichte einem Gegenüber, einem Psychiater, der als Projektionsfläche dient, der nicht weiter als Charakter entwickelt wird, außer, dass er manchmal Fragen stellt und als Stichwort-Geber fungiert und auch ab und zu an Andrews Berichten zweifelt(Wie der Leser?)

Der unzuverlässige Erzähler

Andrew, der im Laufe des Buches immer wieder von der ersten in die dritte Person wechselt, ist offenbar ein Traumatisierter, wie ein Blinder im fallenden Schnee, dem eine Rede-und Schreibtherapie verordnet wurde. Ein derartiges Setting ist ja in der Literatur nicht unbekannt (vgl. z.B.  Max Frisch: Stiller) und bedient ein amerikanisches Klischee: Wer Probleme hat, heuert sich einen Shrink an. Andrew, als betrachte er sich als ein Fremder, beginnt seine Schilderung damit, wie er mit einem Baby auf dem Arm vor der Tür seiner Exfrau Martha steht; seine neue junge Frau Briony, die Mutter des Kindes  ist gestorben und er kann  die Situation nicht mehr bewältigen  und braucht Hilfe.

Marthas riesiger Ehemann, der Andrew einen Täuscher nennt, Andrew der Täuscher,  ist davon natürlich nicht begeistert und wir erfahren von Andrews „Talent“, bei allem, was er anfängt, eine Spur des Verderbens hinter sich herzuziehen.

Und Andrew erzählt, monologisiert, schweift ab, ohne sich an eine lineare zeitliche Abfolge zu halten, gibt zwischendurch etwas an mit neuen Erkenntnissen der Kognitionswissenschaft, Ihr Gebiet ist die Seele, meins das Gehirn, sagt er. 

Glauben Sie mir, Sie werden arbeitslos. Was können wir, die wir vom Baume der Erkenntnis gegessen haben, anderes tun, als uns zu biologisieren? Schmerzen vertreiben, Leben verlängern…

Andrew berichtet über sein großes Unglück, dass er seinem ersten Kind, das er mit Martha hatte, eine von der Apotheke falsch gelieferte Arznei gab, eine Handlung, an deren Folgen das Baby dann starb. Martha war darauf unheilbar beschädigt,  konnte ihren Beruf als Klavierlehrerin nicht mehr ausüben. Und jetzt ist auch noch Andrews zweite Frau tot. Und Andrew nimmt die ganze Schuld auf sich, das scheint seine Bewältigungsstrategie zu sein. Andrew, der zwischen Schuldanerkenntnis, Trauma, Verdrängungen und Depressionen hin-und hergeschüttelt wird, schildert eindringlich und manchmal widersprüchlich das weitere Geschehen. 

Der ständige Wechsel in die dritte Person zeigt, dass Andrew am liebsten ein anderer wäre, er würde aus seiner Haut schlüpfen, wenn er könnte, alles ungeschehen machen. 

Nach dem Tod der Tochter und der Trennung von Martha  begibt Andrew sich auf die Flucht, das Gehirn zugedröhnt von der Erkenntnis, dass man etwas Unabänderliches getan hat. An einem staatlichen College am Fuße des Wasatch-Gebirges in Utah unterrichtet er einen neurowisssenschaftlichen Grundkurs und verliebt sich in die junge Mathematikstudentin Briony. Na, dachte ich beim Lesen, diese Professor-Studentin-Geschichte ist aber auch schon toterzählt (siehe z.B. Philip Roth: Der Professor der Begierde), doch hier wird gezeigt, bei allem „Talent“ zum Unglück und zu Widrigkeiten und Pannen, dass Andrew durchaus befähigt ist, Glück zu empfinden. Im Leben mit Briony.

Glück besteht darin, in der Alltäglichkeit des Lebens zu stehen und nicht zu wissen, wie glücklich man ist. Wahres Glück kommt davon, dass man glücklich ist, es ist eine animalische Heiterkeit, irgendwo in der Mitte zwischen Zufriedenheit und Freude, eine Beständigkeit des Ichs an seinem Platz in der Welt.

Aber gerade diese Beständigkeit des Ichs geht Andrew ja völlig ab, und so ist es wohl hauptsächlich Wunschdenken, das ihn leitet, als er mit Briony nach New York zieht, wo er Lektor ist für einen Lehrbuchverlag. Andrew gibt uns  herrliche Beschreibungen vom West Village, geradezu lyrische, ja euphorische Ausbrüche an manchen Stellen des Romans, typisch für Manisch-Depressive Erkrankte, und so kam mir Andrew zeitweise auch vor: wie ein Patient mit extremen Stimmungsschwankungen. Ein abnorm depressiver neurowissenschaftlicher Tollpatsch, so bezeichnet er sich einmal selbst, was der Psychiater gerne aufnimmt und als Selbsthass einstuft.

Als das Baby da war, schickte der alte italienische Bäcker uns eine Torte, von den Koreanern kam ein Obstkorb, alle alten Damen aus der Nachbarschaft hatten Brionys Schwangerschaft verfolgt, die werdende junge Mutter war überall bekannt, und als sie an einem Frühlingstag zum ersten Mal mit Willa nach draußen ging, die in einem Tragetuch an ihrer Brust lag, tauchten ständig Leute auf, als hätten sie nur darauf gewartet, es wurde so etwas wie eine königliche Prozession, Mutter und Kind…

Das ist leicht hingesagt im Hochgefühl der Manie. Doch an 9/11 2001, beim Training zum bevorstehenden New-York-City Marathon,  kommt Briony um. Verzweifelt und völlig überfordert bringt Andrew das Baby zu seiner Exfrau Martha und ihrem riesigen Ehemann, und es sieht aus, als könnte das Kind  einen „Ersatz“ darstellen für Martha für die  durch das Medikamentenunglück verstorbene Tochter. Andrew wirkt wie einer, der sich im Leben verlaufen hat, es aber nicht merkt.

Es passiert noch viel Erstaunliches, um nicht zu sagen Groteskes, viele Anspielungen auf Literatur und  Politik und Zeitgeschichte sind nach Doctorowscher und postmoderner Manier auch in diesen Roman verwoben.  Mark Twain, von Doctorow sehr geschätzt, scheint im Hintergrund manchmal verschmitzt zu lächeln, wenn auch noch George W. Bush mit seinen Ministern Chaingang und Rumbum auf der Bühne erscheinen.  Andrew gibt zwar dem Leser den Eindruck, als hätte er ein Konzept realistischer Darstellung, aber der Leser zweifelt , leidet mit, glaubt ihm dann dann wieder, lacht und trauert: was ist das nur für ein genialer Meister, dieser E.L. Doctorow. Da erinnert sich Andrew an eine Europa-Tour als Yale-Student, an die Fehlgeburt einer Freundin, belehrt seinen Psychiater (und den Leser) über Schwarmgehirn und Staatenhirn, kommt unvermittelt auf Wittgenstein oder Walt Whitman zu sprechen, um im nächsten Satz Emerson zu kritisieren. Das alles auf höchst spannende und unterhaltsame Weise. Da nicht ohne Weiteres zu erkennen ist, was an den Darstellungen Andrews Realität ist, was erfunden oder konfabuliert, bietet der Roman vielerlei mögliche Lesarten an:

Wir können an das amerikanische Standardmodell denken der Problembewältigung, an eine Rede-und Schreibtherapie des traumatisierter Andrew, der sich sozusagen neu erfindet, um überhaupt weiterleben zu können und nach den  durchstandenen Dramen nicht in totaler Versteinerung zu enden.

Wir könnten erkennen, dass, wenn Welt-und Sinnhaltigkeit im persönlichen Erleben verloren sind, die Kognitionswissenschaft oder auch eine andere Wissenschaft nicht weiterhelfen. Denn auch Andrew kommt mit seiner Wissenschaft schnell an Grenzen:

Wer Wissenschaft betreibt, muss tapfer sein. Es hat mich sehr mitgenommen, als experimentell nachgewiesen wurde, dass das Gehirn eine Entscheidung treffen kann und wir uns dessen erst Sekunden später bewusst werden… Es werden noch raffiniertere Experimente kommen, und dann ist erwiesen, dass der freie Wille eine Illusion ist. 

Man kann den Roman ebenso lesen als Zeitsatire auf die Neuro-Wissenschaften, die mit angeblich so bahnbrechenden Erkenntnissen in erster Linie mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Tatsächlich streiten ja heutzutage verschiedene Wissenschaften darum, wer denn die Deutungshoheit besitze zum Thema  Bewusstsein und Welterklärung.

E.L. Doctorow hat in seinem letzten Roman gezeigt, welch artistische erzählerische Möglichkeiten er beherrscht; mit Humor, Ironie und Schlitzohrigkeit gewürzt, nicht so weit ausholend wie in Ragtime zwar, mit weniger Personal, dafür umso konzentrierter, beschreibt er den Menschen auf der Suche , nach sich, nach Orientierung, nach dem Glück. Nichts Besonderes, oder? Das Besondere ist die kunstvolle Art des Erzählten, die in der Diktion und Struktur des Textes direkt fühlbare Suchbewegung und Ratlosigkeit Andrews über das ungleichgewichtig verteilte Leid. Und die brillante Schreibweise. Es ist ein positives Buch. Auch wenn Andrew als Vater und Ehemann versagt hat,  berichtet er am Ende von  Mark Twain, wie er Geschichten erfindet, damit seine kleinen Mädchen besser einschlafen. Wie er ihr Beschützer ist und die Welt ist ein behaglicher und sicherer Ort, wie sie sich, wenn sie erwachsen sind, an seine Geschichten erinnern und lachen vor lauter Liebe zu ihrem Vater.Wie das seine Erlösung ist.

Und damit wird auch deutlich: wir sind nicht nur ein Produkt unseres Gehirns, einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen, das wäre eine schreckliche Vorstellung von unserem Selbst, gefangen in unserem Kopf. Vielmehr ist das Bewusstsein  ein mit der Welt verbundener dynamischer Vorgang,  das verdeutlicht uns Doctorow im oben angeführten abschließenden Satz dieses wunderbaren Romans: die Welt, die uns umgibt, ist keine Illusion.

Buchcover, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Buchcover, Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

 

Titel der Originalausgabe: Andrew’s Brain
Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger
ISBN: 978-3-462-04812-4
Erschienen am: 17.08.2015
208 Seiten, gebunden

Antonio Lobo Antunes: Die Vögel kommen zurück

Ausgabe 1989 Hanser Verlag

Bei der Lektüre dieses Romans hat er mich wirklich erfasst: der vielbeschworene, heutzutage in jedem zweiten Klappentext angekündigte Sog, der den Leser bis zum letzten Satz nicht mehr loslässt.

Antonio Lobo Antunes, 1942 in Lissabon geboren, Arzt und Leiter eines psychiatrischen Krankenhauses, hat diesen Roman 1981 veröffentlicht (deutsch 1983). Es war sein dritter auf Deutsch erschienener Roman. Er galt vor allem in den 1990er Jahren als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis. Sein Landsmann Jose Saramago erhielt ihn 1998. Weiterlesen