Fay Weldon: Die Teufelin

Frauenliteratur – Literatur der Frauen

1983, als der vorliegende Roman von Fay Weldon The Live and Loves of a She-Devil erstmals veröffentlicht wurde, stand auch in Deutschland sogenannte „Frauenliteratur“ hoch im Kurs. 1977 war die Zeitschrift EMMA gegründet worden, Frauenbuchhandlungen wurden eröffnet, Verlage richteten ganze Reihen ein (z.B. Rowohlt die neue frau ab 1977). Da war viel Aufbruchstimmung, die Vorstellung von einer autonomen weiblichen Identität wurde laut und aktiv vertreten. 

Heute kann man schon ins Fettnäpfchen treten, wenn man bloß den Begriff „Frauenliteratur“ verwendet, obwohl er in der Entwicklung weiblichen Schreibens bis heute seinen Platz haben darf, denke ich, setzte doch die Forderung nach „Frauenliteratur“ einen existierenden Mangel voraus und wurde schließlich zu einem Versprechen weiblicher Selbstbehauptung und einer großen Ermutigung gegen die Herrschaft des männlichen Blicks. „Frauenliteratur“  hat nichts zu tun mit trivialen Frauenromanen und den Scheinwelten der Danella, Roberts, Cartland, Paretti oder wie sie alle heißen, auch wenn sie nach wie vor massenhaft Leser(innen)anziehen und auch ihre Berechtigung haben.

Heute sind Texte wie Karin Strucks Klassenliebe oder Verena Stefans Häutungen praktisch aus allen Regalen verschwunden, andere theoretische und poetologische Aspekte spielen eine Rolle, stark befördert wird heute z.B. auch von Autorinnen das Bewusstsein für die Normalität anderer als heterosexueller Lebensgemeinschaften.

Diese lange Einleitung sollte verdeutlichen, dass gerade dann, wenn Schriftstellerinnen wie Fay Weldon als feministisch betitelt werden, es nötig ist, die entsprechenden Texte immer erst historisch einzuordnen. 

Schreiben von der Rache einer Frau

Literatur blog Herbert Steib
Fay Weldon
Quelle:West Yorkshire Playhouse

Die deutsche Fassung von Fay Weldons Roman erschien unter dem Titel „Die Teufelin“ 1987 im Frauenbuchverlag München, aus dem der heutige Verlag Antje Kunstmann hervorging. 

Die 1931 in Worcestershire geborene, in Neuseeland aufgewachsene Autorin Fay Weldon hat in diesem Roman in bester englischer Manier eine groteske, bissige Komödie geschrieben über eine benachteiligte, betrogene Ehefrau, ihre Kränkungen und Schädigungen und ihren Rachefeldzug, den sie alsbald startet. 

Die unförmige, unansehnliche Ruth, Mutter zweier nicht vorzeigbarer Kinder, hasst Mary Fisher, die attraktive Geliebte ihres Mannes Bobbo, dem erfolgreichen Steuerberater. Ruth entschließt sich, die Teufelin abzugeben, als die Bobbo sie hinstellt, um sie guten Gewissens verlassen zu können.

Mary Fisher ist zierlich und hübsch mit sanften Kurven an den richtigen Stellen; sie fällt gerne in Ohnmacht, vergießt Tränen und schläft mit Männern, während sie gleichzeitig so tut, als würde sie sowas nie tun. Mary Fisher wird von meinem Mann geliebt, der ihr die Bücher führt. Ich liebe meinen Mann und hasse Mary Fisher.

Fay Weldon schreibt von der Realität ausgehend,  in einer einfachen, leicht zu lesenden Ausdrucksweise und in rasanter Entwicklung. Der Text ist zweidimensional angelegt: Abwechselnd lässt die Autorin  die betrogene Ehefrau Ruth als Ich-Erzählerin  zu Wort kommen, dann ergreift sie selbst als allwissende Erzählerin  das Wort. Mit einer Überzeichnung von Klischees wird die unselbständige, unterdrückte Stellung der Frau dargestellt. Die Heirat wird als gutmütiger Akt des Ehemanns beschrieben, der großherzig die unansehnliche Ruth geheiratet hat und deswegen Demut einfordern kann. Ruth kann Rasenmähen, Ruth versteht sich aufs Putzen ruft die Schwiegermutter. Ruths Vorteil war, dass sie da war, wenn man sie brauchteWo kein eigenes identifizierbares Leben mehr ist, wird es ergänzt, oder bei Realitätsverlust sogar ersetzt durch das erträumte Leben.  Taten folgen in der Regel nicht. May Feldon beschreibt die Personen als unfähig, sich ihrer Lage bewusst zu werden. Außer Ruth. Ruth ist am Anfang von einer so trostlosen Mittelmäßigkeit und Naivität geschildert mit allen Klischees der ausgelieferten Ehefrau, dass es einer großen Verwandlung bedarf:

Ich bin eine Teufelin. Aber das ist wundervoll! Das muntert auf! Als Teufelin kriegt man sofort einen klaren Kopf. Die Lebensgeister werden wach. Es gibt keine Scham mehr, keine Schuldgefühle, kein ermüdendes Streben danach, gut zu sein. Im Endeffekt existiert nur noch das, was du willst. Und ich kann mir nehmen, was ich will. Ich bin eine Teufelin…

Natürlich ist Ruth in einem Heim aufgewachsen,natürlich hat der Vater die Mutter verlassen, natürlich sind ihre Schwestern auffallend hübsch, die Szenerie wird so bereitet, dass auch der Letzte es versteht: Diese Frau hat allen Grund auszurasten. Und das geschieht auch.

Ruth überantwortet Bobbo die Kinder, lässt das Haus niederbrennen und taucht unter.In einer Folge von schonungslosen, raffinierten Manipulationen unter wechselnden Pseudonymen gelingt es ihr, das gemeinsame Leben von Bobbo und Mary Fisher zu zerstören, während sie gleichzeitig ungewöhnliche Liebhaber hat und sich in lange hinziehenden Schönheitsoperationen zu einem Abbild Mary Fishers machen lässt.  Es gelingt ihr alles, fast mühelos, nichts und niemand stellt sich ihr in den Weg- und genau diese Tatsache, ihr ungestörter, gnadenloser Feldzug wurde beim Lesen mit Fortdauer des Textes ermüdend und die Spannung fiel  bis auf den Nullpunkt. Dann wirken eigentlich interessante Details auf einmal wie Geschwätzigkeit und Dialoge fad und nichtssagend. Ironisierung wird von Autor(inn)en ja oft als Stilmittel zur  Distanzierung und Verfremdung angewandt, doch dann sind die Leser(innen)  gefordert, Leerstellen selbst zu füllen und Andeutungen selbst einzuordnen. Hier wird alles ausgesprochen, breitgetreten. Nicht jeder beherrscht eben das Stilmittel der Satire so wie ein Karl Kraus oder auch eine Elfriede Jelinek.

Ich hätte mir von Ruth anstatt ihrer erbarmungslosen,  radikalen Vorgehensweise mehr Radikalität im Denken gewünscht.
Ich will Rache. Ich will Macht. Ich will Geld. Ich will geliebt werden, ohne zurückzulieben. Ich will dem Hass freien Lauf lassen.Ich will, dass der Hass die Liebe vertreibt….
Dieses neue Lebensmotto Ruths ist auch in einer Groteske oder Satire zuwenig für einen befriedigenden Text. Es gibt eine Ausdrucksweise, die man anfangs noch als gezielte sarkastische Zuspitzung, korrespondierend zu Ruths schwerfälliger Naivität,  hinnehmen konnte, aber schließlich immer mehr nervte: nur einige Beispiele:

 -Der Menschenfresser Mutterschaft marschiert draußen mit schweren Schritten auf und ab.
– Er liebte Mary Fisher und zeigte es auch gern, er war der Maibaum, um den sich die verschlungenen Ketten ihrer Glückseligkeit schlangen, stark und fest und für immer.
-Sie würde zwischen den Mühlsteinen der Gegenwart und der Zukunft zerquetscht werden, wenn sich kein Kissen aus  der Vergangenheit dazwischenschob.

Es wäre allerdings unfair, aufgrund isolierter Textstellen, aus dem Zusammenhang herausgenommen, ein abschließendes Urteil zu fällen. Es gibt auch  Gelegenheit zu  treffender Gesellschaftskritik, während der verschiedenen Stationen von Ruths Tour  „durch die Institutionen“:

Ganz allgemein lässt sich Beschäftigung finden, wenn man bereit ist, sich um anderer Leute Kinder zu kümmern, Geisteskranke zu versorgen oder inhaftierte Kriminelle zu bewachen, öffentliche Toiletten zu reinige, Leichen zu waschen oder Betten in billigen Absteigen zu machen…

Die stellenweise sozialkritische Einfärbung hat mir durchaus gefallen. Und es ist zuzugeben: Am Erfolg ihres Buches ist leicht abzulesen, dass Fay Weldon mit diesem Roman den geforderten Unterhaltungswert sicher geliefert hat. Und der Frauenliteraturverlag hat seinerzeit gute Einnahmen erzielt, um andere Projekte voranzutreiben. Ob ein Text in erster Linie unterhaltend ist, daran kann kein ästhetisches Qualitätsurteil festgemacht werden. Fay Weldon, in England lange omnipräsent auch als Stücke-Schreiberin, Fernseh-Autorin, Essayistin, gilt als feministische Autorin. Andere englisch schreibende Autorinnen wie Margarete Atwood,  Joan Didion, Cynthia Osick oder auch Iris Murdoch lehnen es ab, in die Kategorie „feministisch“ eingeordnet zu werden. 

Eines hat die Lektüre dieses Romans von Fay Weldon jedenfalls bei mir bewirkt: dass ich mich näher befasse mit dieser Entwicklung des feministischen Aufbruchs schreibender Frauen, so möchte ichs mal nennen, bis heute. Warum sind so viele Autorinnen aus den Siebziger, Achtziger Jahren so schnell von der Bildfläche verschwunden, sind sie Opfer geworden eines männlich dominierten Literaturbetriebs?Oder welche Richtungsänderungen sind seither eingetreten in der Literatur von Frauen? Wie sieht es aus in anderen, besonders männerdominierten Teilen der Erde, z.B. Lateinamerika? Was wird in anderen Literaturblogs zum Feminismus geschrieben?

Zum Schluss ein Interview mit Antje Kunstmann zum Ende des Frauenbuchverlags (1999)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Juan Goytisolo: Das Manuskript von Sarajevo

Die Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo von 1992 bis 1996 war eine der längsten in der Geschichte der Kriegsführung. Etwa 12000 Menschen, meist Bosnier, aber auch Serben, Kroaten und andere, darunter viele Frauen und Kinder,  starben unter dem Bombenhagel serbischer Terroristen.

Als das vorliegende Buch 1995 in Spanien erschien, dauert die Belagerung noch an. Der 1931 in Barcelona geborene Juan Goytisolo war einer der wenigen Schriftsteller, die dem Aufruf Susan Sontags  an die Künstler aller Welt gefolgt waren, sich in die Stadt zu begeben, um der furchtbaren Lage der Bevölkerung weltweit mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Juan Goytisolo, in Deutschland weit weniger  bekannt als seine Schriftstellerkolleg(inn)en Jorge Semprun, Javier Marias, Raffael Chirbes, Rosa Montero oder Carlos Ruiz Zafon o.a., war damals  in Spaniens Literaturbetrieb längst etabliert. 

Goytisolo Literaturblog
Juan Goytisolo Quelle: diepresse.com

Der Roman Das Manuskript von Sarajevo  führt uns in der belagerten Stadt zunächst ganz realistisch in eine Szenerie, die einem Kriminalfall ähnlich abzulaufen scheint: Ein mysteriöser ungefähr 60 Jahre alter Mann, vermutlich Spanier, stirbt,  als das Hotel in dem er abgestiegen ist, von Mörsergranaten getroffen wird. Ein spanischer Kommandant der Internationalen Vermittlungstruppen wird damit beauftragt, die entsprechenden Untersuchungen einzuleiten und die erforderlichen Formalitäten zu erledigen. Es folgen insgesamt 5 Berichte des Kommandanten, die ein vom Autor eingeführter Kompilator  zusammengestellt hat, dazwischen eingestreut Traumberichte, Berichte von einem belagerten Bezirk in Paris, Gedichte. Manche dieser Texte könnten auch alleine stehen und haben keinen direkten aktuellen Bezug zum Geschehen in Sarajewo. Der Kommandant muss zunächst erkennen, dass der Leichnam verschwunden ist, neben ein paar Reiseutensilien sind nur ein grünes Heft mit handschriftlichen Eintragungen und dem Kürzel „J.G.“ (Autor?), sowie maschinengeschriebene Manuskripte  aufzufinden; verschwunden ist, obwohl an der Rezeption abgegeben,  auch der Reisepass. Als Leser ist man erstaunt, dass die Berichte des Kommandanten in einer ausgesprochen anspruchsvollen Ausdrucksweise erfolgt, nicht etwa in einem pragmatischen, militärischen Berichtsstil. So schreibt er im ersten Bericht:

Meinerseits werde ich eine erste Bewertung der maschinenschriftlichen Texte und Gedichte vornehmen, in der Hoffnung, dass sie die Identität des Verstorbenen oder Verschwundenen sowie die Motive für seine unter größter Lebensgefahr unternommene Reise in diese Republik aufklären helfen.

Die Nachforschungen ergeben weiter, dass sich kein Spanier für einen Flug angemeldet hat oder jemand, der von seinem Äußeren und Alter der bewussten Person entsprach. 

Zu den Initialen „J.G“. schreibt der Kommandant in seinem zweiten Bericht:

In unserem Land, so sagte ich zu einem Beamten aus dem Innenministerium, sind sie so zahlreich wie die Vögel am Himmel und die Fische im Meer: eine Liste allein mit allen Juan Perez und Jose Gonzales würde schon das Einwohnerverzeichnis einer Stadt von der Größe La Corunas füllen.  Und weiter:

Schon eine erste Durchsicht der Gedichte des geheimnisvollen „J.G.“ lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um eine homosexuelle Person handelt. Die Verse, über deren möglichen ästhetischen Wert ich mich eines Urteils enthalte, führen eine Reihe von Bildern und Handlungen vor, die unter der Maske einer sibyllinischen und raffinierten Sprache nichts als dreiste Verherrlichungen des Lasters sind. 

Erstaunt ist man als Leser zunächst, als in weiteren Texten plötzlich Paris als Schauplatz auftaucht, denn Goytisolo vergleicht die Lage der arabischen und farbigen Einwandererfamilien in Frankreich mit einem Belagerungszustand. Ausgeliefert, hilflos den Vorurteilen, Anschuldigungen und Übergriffen von fremdenfeindlichen Einheimischen. Auch ausgeliefert den staatlichen Institutionen, die oft aus wahltaktischen und populistischen Motiven Druck ausüben. Der Autor entwirft ein Szenario, in dem „ethnische Säuberungen“ durchgeführt werden, einen „Belagerten Bezirk“, in dem Ausländer und Landfremde keinerlei Rechte und Freiheiten mehr haben.

Stellvertretend für die anderen Ausgegrenzten ruft der „Defäkator“:

Ja, wir sind Kot, Fäkalien, eine Beleidigung für Aug und Nase der schönen Menschen. Von ihren Labors und Industrien verseucht und verstrahlt, taugen wir nicht einmal als Düngemittel für Ihre Felder. Unter dicken Betonblöcken werden sie uns begraben müssen, damit wir nicht ihr Wasser, ihre Erde und ihre Luft verderben….

Offenbar glaubt der Autor nicht, dass die Problematik in einer linearen,  realistischen Weise dargestellt werden könnte. Juan Goytisolo vervielfältigt gewissermaßen das Thema in eine absurde, mit beißender Ironie gespickte Landschaft; auch eigene autobiographische Erfahrungen fließen mit ein, schließlich hat er sich unter Franco, auch wegen seiner öffentlich gemachten Homosexualität selbst als Belagerter und Ausgegrenzter empfinden müssen. Seine Bücher waren verboten, er musste ins Exil nach Paris und später  nach Marrakesch, wo er heute noch zeitweise lebt.

Schließlich muss neben dem Leser auch der Kommandant aufgeben in seinen Bemühungen, eine vernünftige Erklärung für die Vorfälle zu finden, er verzettelt sich so, er verzweifelt,  dass er sogar in eine Psychiatrische Klinik eingeliefert wird. Als Leser fühlt man sich, als sei man in eine Falle getappt.

Am stärksten beeindruckt und zum Nachdenken gebracht hat mich ein Abschnitt des Büches, überschrieben mit Der Todfeind:

Die Nationalbibliothek war von Brandraketen getroffen worden und, abgesehen von ihrer neomaurischen Fassade aus österreichischer Zeit, nichts als ein trauriger Trümmerhaufen. Einer der jetzt arbeitslosen Historiker, dessen Wohnung von Granaten getroffen wurde, entdeckt durch das Loch in der Wand in einem gegenüberliegenden Gebäude, nur etwa hundert Meter entfernt über dem Fluss, einen maskierten Heckenschützen, der ihn im Visier hat. Warum ausgerechnet ihn und nicht einen anderen, fragt er sich:

Einer Legende zufolge, die er als Kind gelesen hatte, wird jedem Menschen genau in dem Augenblick, da seine Mutter mit ihm niederkommt, auch sein virtueller Feind geboren. Dieser kann auf einem anderen Kontinent zur Welt kommen, anderer Rasse und anderen Geschlechts sein, das Licht der Welt auf der anderen Seite der Erdkugel erblicken. Keiner weiß von der Existenz des anderen, dem unversöhnlichen Hass, der sie aneinanderkettet, es sei denn, ein unglücklicher Zufall führt sie zusammen. 

Es treten fast paradoxe Gefühlen und Einsichten auf:

Die konzentrierte Aufmerksamkeit, die der Unbekannte ihm zuteil werden ließ, begann ihm sogar zu schmeicheln. Tag und Nacht war sein Todfeind ihm zu Diensten, widmete ihm gewissenhaft seine Zeit, richtete sein Leben nach ihm wie ein besorgter Liebender….

Auch der Todfeind musste essen, auf Toilette gehen, schlafen.  Das gab Raum, durchzuatmen, aber keinen Raum, wirklich zu leben.  Das Territorium seiner einstigen Wohnung, das er noch bewohnen konnte und das nicht einzusehen war, war zusammengeschrumpft auf ein paar Quadratmeter. Sein einziger Daseinszweck: sich nicht in die Schusslinie zu begeben.

Ein Zweifel nagte an ihm: bedeutete dieser Zustand wechselseitigen Sich-Ergänzens auch Gegenseitigkeit der Gefühle? Konnte der eine ohne den anderen leben, oder waren ihre Schicksale, wie die Legende es wollte, untrennbar miteinander verknüpft?

Fragen, die man sich stellt, wenn die bisherige Lebenswelt sich durch äußere Umstände verbraucht oder erschöpft hat. Und die Flucht in den Traum lebenswichtig wird. 

Nationalbibliothek Literaturblog
Nationalbibliothek Sarajevo vor der Bombardierung Quelle: BR-Eldina Jasarevic

 Unbedingt zu erwähnen ist  des Autors Schilderung  der  Bombardierung der Nationalbibliothek, er spricht  von Memorizid, etwa 3 Millionen Bücher und Dokumente aus der multiethnischen Geschichte Bosniens gingen in Flammen auf. Durch die Bombardierung der Bibliothek haben das Land und die Stadt einen wichtigen Teil ihrer kulturellen Identität verloren. Die Asche tausender Bücher -die schwarzen Vögel von Sarajevo-schwebte tagelang über der Stadt. Der als Cellist von Sarajevo bekanntgewordene Musiker Vedran Smajlovic spielte in den Ruinen. 

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Vedran Smajlovic spielt in den Ruinen der Nationalbibliothek Quelle: Wikipedia

Es war klar, dass sich nach meiner euphorischen Lektüre von Antonio Lobo Antunes‘ Die Vögel kommen zurück jedes Nachfolgebuch schwer haben würde in meiner  Beurteilung. In dem Roman  Das Manuskript von Sarajevo oder besser: der Textsammlung, die sich Roman nennt, bringt Juan Goytisolo für meinen Geschmack allzu häufig seine persönlichen politischen Bekenntnisse unter, seine Anklage gegen Westeuropa über dessen zögerliche Politik, oder gegen die USA, die dem serbischen Aggressor nicht mit Waffengewalt gegenübertrete. Bei vielen Anspielungen oder Verweisen aus der arabischen Mystik musste ich zugegebenermaßen passen, obwohl einiges nachzuschlagen war. Seine Affinität zur arabisch-islamischen Welt ist deutlich zu spüren, Juan Goytisolo gilt als Pendler und Vermittler zwischen den Kulturen und tritt vehement  islamophoben Tendenzen entgegen.

Der englische Titel des Buches State of Siege passt m.E. besser zum Inhalt des Buches, weil Juan Goytisolo wie beschrieben Außenseiter, Fremde, Flüchtlinge, Menschen anderer Hautfarbe und kultureller Herkunft in aller Welt in einem Zustand der Belagerung sieht. 

Neben vielen anderen Preisen  zuvor,  erhielt Juan Goytisolo 2014 den Cervantes-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung in der spanischsprachigen Welt.

Cover Literaturblog
Das Manuskript von Sarajevo Cover

Das Manuskript von Sarajevo, Suhrkamp Verlag, 191 Seiten. Übersetzung von Thomas Brovot, ISBN: 978-3518410479, € 18,99

Weiterführende Literatur:

Der kanadische Autor Steve Galloway veröffentlichte 2008 den Roman Der Cellist von Sarajevo:  btb, 240 Seiten, Taschenbuch, Broschur,  11,8 x 18,7 cm, ISBN: 978-3-442-73892-2, € 9,95

Eine Zusamenfassung weiterführender Literatur gibt es bei www.tour-literatur.de

Juan Goytisolo fuhr im Schützenpanzer in die Stadt Sarajewo. Auf Deutsch erschienen seine Eindrücke der Belagerung als realer Bericht unter dem Titel Notizen aus Sarajewo 1993, edition suhrkamp 1899, Broschur, 140 Seiten, ISBN: 978-3-518-11899-3, € 6,99. Die Übersetzung besorgte Maralde Meyer-Minnemann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Pynchon:Die Versteigerung von No.49

Thomas Pynchon Literatur Blog
Thomas Pynchon (Zeitpunkt der Aufnahme unklar)

Die Rezensionen von Thomas Pynchons neuestem Roman Bleeding Edge klingen noch nach, da habe ich aus einer meiner Kisten noch ungelesener Bücher Pynchons früheren Roman Die Versteigerung von No.49 geholt, um die vielbesprochene  Pynchonwelt kennenzulernen.  Dieser auch vom Umfang überschaubare Text (202 Seiten) eigne sich gut als Einstieg,  wurde mir von Freunden versichert. Pynchon lite. 

Pynchon Literatur Blog
Die Versteigerung von No. 49

Ausnahmsweise zitiere ich gleich den ersten  Satz des Romans, der 1966 erschienen ist:

An einem Sommernachmittag kam Mrs. Oedipa Maas von einer Tupperware-Party, deren Gastgeberin vielleicht allzuviel Kirsch in das Fondue getan hatte, nach Hause und bemerkte, dass sie, Oedipa, zum Testamentsvollzieher oder, was sie annahm, zur Testamentvollzieherin des Vermögens eines gewissen Pierce Inverarity eingesetzt worden war, der wieder war Großgrundbesitzer in Kalifornien gewesen, hatte mal in seiner Freizeit zwei Millionen Dollar verloren, aber auf vielen und verschlungenen Wegen immer noch genügend Aktiva flüssig machen können, um aus diesem Schlamassel mehr als blütenweiß wieder herauszusteigen. 

Wie man sieht, ist die Ausgangslage relativ simpel, ähnlich wie bei Saul Bellows Humboldts Vermächtnis was folgt ist allerdings eine bizarre, phantastische Reise in eine Welt voller Andeutungen, Verwirrungen, wahnhaften Vorstellungen und Verschwörungen. „Oedipas Weg zum Ziel wird zu einem Horrortrip durch die Welt der USA“, verrät der Klappentext, „eine Gegenwelt, die vielleicht von einer Gegenorganisation gesteuert wird.“

Der verstorbene Pierce Inverarity war berüchtigter Immobilienspekulant und Oedipas  Ex-Liebhaber. Als  Leser fragt man  sich sofort, warum dieser gerade die in Vermögensgeschäften unbedarfte Hausfrau Oedipa Maas als Testamentsvollstreckerin ausersehen hat, eine der vielen Fragen, die bis zum Ende des Buches nicht beantwortet sein werden. 

Gleich zu Beginn verrät Thomas Pynchon bei verschiedenen Personencharakterisierungen seine ganze Meisterschaft, so bei der Darstellung von Oedipas Ehemann Mucho Maas, ehemals Gebrauchtwagenhändler und jetzt Diskjockey bei einem Radiosender; bei Dr.Hilarius, ihrem „Seelenklempner und Psychotherapeuten“, der sie für eine Testreihe für Hausfrauen in der Anwendung von LSD, Meskalin und anderer Drogen gewinnen will. Doch Oedipa lehnt ab, sie hat ja ihre Mission. 

Zusammen mit Metzger, einem der Anwälte Pierce Inveraritys zieht sie los nach San Narciso, um sich in Pierces Büchern und Geschäftsberichten zu vertiefen. Hier in der Nähe von L.A. befindet sich das Zentrum seiner Liegenschaften, Büros, riesigen Firmen und Unternehmen: Yoyodyne. Sie freundet sich in einem Motel mit der Popgruppe „The Paranoids“an, und kommt bei ihren Nachforschungen auf die Spur von Trystero, ein sehr seltsames Postbeförderungssystem, das seit Jahrhunderten im Untergrund gegen das staatliche Postsystem der USA operieren soll. Sie stößt auf eine Fülle von Zeichen und Bildern-Bruchstücke, die sich weder Oedipa noch der Leser schlüssig zu einem Bild zusammensetzen können.  Sie hat eine Affäre mit Metzger und ihr eigentlicher Auftrag, dass alles inventarisiert und taxiert werden müsste, gerät eine ganze Zeit völlig in den Hintergrund.

Was für mich ganz spannend begonnen hatte, verdichtete sich jetzt allmählich zu einem Gewebe von Mutmaßungen, Zeichen und Symbolen, die das Geschehen umgeben. Ich sage bewusst „Geschehen“ und nicht „Handlung“, denn die Personen scheinen alle manipuliert, ausgeliefert einer übergeordneten, vom Verstand nicht zu kontrollierenden Macht.

An der Klowand (einer Bar; Einfügung von mir) fiel ihr zwischen lippenstiftgemalten Obszönitäten die folgende, fein säuberlich in Druckbuchstaben geschriebene Botschaft auf: Pynchon Botschaft

WASTE? wunderte sich Oedipa. Unter die Nachricht war mit Bleistift ein Symbol gezeichnet, das sie noch nie gesehen hatte, eine runde Windung, ein Dreieck und ein Trapez, so:Pynchon Posthorn

Es war vielleicht irgendeine Schweinerei, aber irgendwie zweifelte sie daran.

„Vielleicht“ und „irgendwie“ sind Worte, die für meinen Geschmack etwas zu häufig vorkommen. Gut, Mitte der Sechziger Jahre, als das Buch erschien, gab es bestimmt eine große Verunsicherung in den Staaten,  Präsident Kennedy war ermordet worden, ein immer stärkeres Engagement im Vietnam-Krieg war vereinbart und durchgeführt. Verunsicherug und Verschwörungstheorien hatten Hochkonjunktur. Kann sein, dass Thomas Pynchon das auf seine Weise abbbilden wollte in diesem Roman. 

Immer häufiger begegnet Oedipa dem Symbol. Die Historie von Thurn und Taxis wird eingeflochten, ein Theaterstück The Courier’s Tragedy wird besucht, wir erfahren von Briefmarken-Fälschungen,  Songtexte der Paranoids durchbrechen das Geschehen. Die Selbstzweifel Oedipas werden immer größer, sie hat Anfälle, Absencen, als Leser hat man Sympathie für diese Hauptfigur, die so umherirren muss. (Wie einst der König von Theben,  Oedipus?).

Das Symbol(wie oben abgebildet) stellt ein Posthorn dar mit einem Dämpfer, erfährt man schließlich, was im übertragenen Sinn wohl bedeutet: die Kommunikation, der Informationsfluss ist behindert, wenn man Trystero als gegeben annimmt: unterwandert. 

Im vorletzten Kapitel kommt sie nach Berkeley, Oedipa erinnert sich an ihre eigene Studienzeit. Als Leser war ich froh,  zwischendurch einen Textabschnitt zu bekommen, der sowas wie Realität abbildet: Ihr eigenes Studium hatte sie zu einer Zeit hinter sich gebracht, in der die Nervenenden noch gepolstert waren, in einer Zeit der Sanftmütigkeit und Nachgiebigkeit, die sie nicht nur bei ihren Altersgenossen, sondern auch bei dem größten Teil der sichtbar sie umgebenden wie auch der vor ihnen liegenden Strukturen angetroffen hatte…Hier dieses Berkeley hatte so ganz und gar keine Ähnlichkeit mit dem schläfrigen Nest Siwash ihrer eigenen Vergangenheit, sie hatte das Gefühl, als wäre es eher verwandt mit diesen fernöstlichen oder lateinamerikanischen Universitäten, von denen man so oft liest, mit diesen autonomen kulturellen Medien also, wo sogar die heiligsten der Volksbräuche in Zweifel gezogen werden können, Meinungsverschiedenheiten mit der Gewalt von Sintfluten ausgetragen werden…

Oedipa wird gegen Ende des Romans immer nachdenklicher und melancholischer und einsamer. Sie begann nämlich langsam einen richtigen Widerwillen dagegen zu entwickeln, irgendeiner Sache auf den Grund zu kommen… Sie kam sich vor wie eine flatternde Gardine in einem sehr hohen Fenster, die versucht, über einen Abgrund hinweg zu den andern hinüberzuwehen.

Bildet sie sich alles nur ein?Hat das alles Pierce Inverarity vor seinem Tod noch angezettelt, ganz San Francisco mit Posthörnern überschwemmt,um sie zur Verzweiflung zu bringen,  gibt es einen Sinn dahinter?    

Am erträglichsten schien ihr immer noch, geisteskrank zu sein, und Schluss.  

Am Ende herrscht eine wehmütige melancholische Stimmung, die ich gut gelungen und überzeugend dargestellt fand von Thomas Pynchon.    Das versöhnte mich als Leser nach so mancher Abneigung gegen einige Abschnitte des Buches.   Zur titelgebenden Versteigerung kommt es übrigens erst ganz zum Schluss. No.49 ist eine gefälschte Briefmarke. Noch bevor die Marke aufgerufen wird, endet der Roman.  

Der Auktionator räusperte sich. Oedipa lehnte sich zurück und wartete auf das Versteigerungsobjekt No 49.

 

Ich denke, dass ein Autor bei einem Text, in dem grundsätzlich alles möglich sein soll, fern jeder Rationalität und Lesererwartung, aufpassen sollte,  sich nicht dem bloßen Klamauk anzunähern.  Zur hermetischen Verdunkelung neigend ist Pynchon allemal, das kenne wir auch von so manchen Lyriker(inne)n, das kann ein Text meiner Meinung nach gut vertragen, wenn Bilder und Metaphern uns berühren. Zuviele April-April-Effekte möchte ich mir allerdings nicht antun, auch wenn manche Kritiker dies dann als postmodern einstufen und meine Lesererwartung als spießig.

Vor der Lektüre habe ich keine Rezensionen zum Buch gelesen, was ich im Nachhinein vorgefunden habe, hat mich doch überrascht, welche Fülle und Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten!

Thomas Pynchon Literatur Blog
Thomas Pynchon

Zu den Portraits: Ich habe kein auch nur annähernd gegenwartsnahes Portrait ausfindig machen können, immerhin wird der Autor bald 80 Jahre alt. Es ist aber bekannt, dass der Autor völlig zurückgezogen in New York lebt. Bereits 1973 zur Übergabe des „National Book Award“ sandte er einen Komiker!

Mein Leseexemplar war aus der Reihe „Rowohlt Jahrhundert“ Nr. 84.

Heute ist das Buch als rororo TB, ISBN 978-3-499-13550-7, 208 Seiten, für € 8,99 im Buchhandel erhältlich.

Rezensionen und weiterführende Artikel:(kleine Auswahl)

Textem

Pynchonwiki.com

dreizehn-Magazin.de