John Banville alias Benjamin Black: Der Lemur

 Ein Autor- Zweigeteilt

 

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John Banville

 

 

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John Banville alias Benjamin Black

Da ich im Krimi-Genre nicht so ganz zuhause bin, war ich schon überrascht, als ich diesen Titel aus irgendeiner Wühlkiste ich weiß nicht mehr wo herauszog. John Banville mit einem Krimi! Ich schau nach: Schon 2008 bei Picador in New York erschienen. Nach dem preisgekrönten Roman (Man-Booker-Prize) Die See  aus 2006 hatte man ja schon sehnsüchtig den nachfolgenden erwartet. 2009 waren dann die Infinities auf dem Markt. Hat er also zwischendurch mal eben das Genre gewechselt. 

John Glass, ausgebrannter, einst erfolgreicher Journalist, hat sich, zunächst widerwillig,  bereit erklärt, für das Honorar von einer Million Dollar die Biographie seines Schwiegervaters zu schreiben.  William ‚BIG BILL‘ Mulholland, erfährt man, ist ein  irisch-amerikanischer Milliardär, war CIA Agent und  ist Chef eines Telekommunikation-Konzerns und tönt:

„Ich will, dass du diese Sache schreibst, nicht nur, weil ich dir vertraue, sondern weil es auch andere tun. Ich will keine Hagiographie – die steht mir auch gar nicht zu, ich bin kein Heiliger. Was ich will, ist die Wahrheit. “

Und Glass hatte gedacht: Oh, die Wahrheit. 

Entgegen dem Versprechen zu Diskretion, heuert Glass den unsympathischen Rechercheur Dylan Riley an, den er den  Lemur nennt. Dieser Lemur ist zwar schon auf Seite 45 ermordet und er wird nur in einem einzigen Zusammentreffen mit Glass geschildert, doch er ist von der ersten bis zur letzten Seite im Geschehen anwesend und treibt die Story an. Was hatte er für Informationen über all die Intrigen und Geheimnisse und Fehltritte der Beteiligten, die der Leser nach und nach erfährt? Was hatte er ausgegraben und weitergegeben‘?

Louise ist die Tochter von BIG BILL aus der dritten Ehe, Glass liebt sie nicht mehr.

„Dabei war sie, wie sie immer gewesen war, eine geschmeidige, grazile, auf Hochglanz polierte Schönheit, bei deren bloßem Anblick in früheren Tagen etwas in ihm in einer Art lustvoller Qual herzzerreißend aufgeschrien hatte; doch jetzt löste ihre Gegenwart nur noch eine leise, verhallende Melancholie in ihm aus.“

Der Wolkenkratzer in New York, in dem er sein Büro hat, gehört ihrem Vater. Sehr eindringlich, wie der Autor das schwierige, wenn nicht unmögliche Unterfangen darstellt, eine „Wahre Biographie“ zu schreiben: Das Problem der Befangenheit, der familiären Rücksichtnahme, der Schuldgefühle von Glass, der eine Geliebte hat und die Aufdeckung der Liaison befürchtet. 

„Das Büro lag im neununddreißigsten Stock. Absurd, von irgendjemand zu erwarten, in solcher Höhe Geschäfte zu machen – oder überhaupt etwas zu tun.“

Er war erst vor kurzem aus Dublin nach New York übergesiedelt, er hatte eine großzügige Wohnung am Central Park und ein Haus auf Long Island. Beides gehörte  aber eigentlich seiner Frau. Die Million für die Biografie würde ihn befreien. Eine Menge Heuchelei und Statusangst ist im Spiel:

„Das Ehepaar Glass hatte, höchst zivilisiert, eine stillschweigende Übereinkunft…Dabei mussten gewisse Regeln beachtet werden, und die oberste war absolute Diskretion. Louise wünschte nichts von seinen Affären zu erfahren, insbesondere von keiner, die – allen Zweifeln und Vorbehalten zum Trotz – tatsächlich und wahrhaftig mit Liebe zu tun hatte.“

Und Glass fühlt sich minderwertig und hat Angst vor seinem Schwiegervater.  Das Verhältnis zu seiner Geliebten Alison, er vermutet, dass der Lemur vor seiner Ermordung davon erfuhr und es nicht für sich behalten hat.  

„Big Bill hatte eine bemerkenswert entschiedene Meinung, was die Heiligkeit des Eheversprechens anging.“

Ach, zwischendurch hat der Leser beinahe schon vergessen, dass es sich um einen Kriminalroman handelt. Es scheint weniger um die Aufklärung des Mordes an dem Lemur zu gehen als vielmehr um die suspekten Identitätskonstruktionen des gesamten Personals, insbesondere von John Glass.  Ein ausgemergelter Captain der Polizei verhört ihn als Zeuge.

„Doch was er nun empfand, war nicht wirklich Angst…tief in seinem Innern nistete ebenso viel Spannung wie Beklemmung. Seltsam,  aber es hatte ihn eine Art Erregung gepackt: Er war erregt darüber, in einen Mord verwickelt zu sein, erregt, hier zu sein und von einem Polizisten verhört zu werden, erregt, weil er nach all diesen Monaten nun endlich sagen konnte, er sei tatsächlich in New York angekommen, an diesem Ort, der so lebhaft, so brutal, so mörderisch lebendig war.“

Soviel kann noch verraten werden: von der Biographie des Schwiegervaters  wird keine einzige Zeile geschrieben. Die Kommunikation zwischen den Protagonisten ist von Zynismus beherrscht. Schonungslos dargestellt wird eine Welt des schönen Scheins, in manchen Dialogen fühlte ich mich an Scott Fitzgerald  erinnert. Keine Person möchte die sein, die sie gerade ist, das ist eine interessante Ausgangsposition, der blanke Materialismus und Konformismus mit Doppelmoral verhindert jedoch echte Veränderung. Ich (Ich war noch niemals in New York) hätte mir etwas mehr Stadtbeschreibung gewünscht statt der vielen erlesenen Speisen und Getränke, die aufgetischt wurden. New York ist hier einfach Platzhalter für urban jungle. Ich fand den Krimi spannend zu lesen, es gibt unerwartete Wendungen, die Dialoge sind bissig und scharf, eine Prise Humor wäre wahrscheinlich zuviel verlangt.

Ja, so geht das, man liest John Banville und kriegt doch Benjamin Black. Was ein Pseudonym soll, das auf dem Cover in großer Aufmachung gleich wieder offengelegt wird, weiß ich auch nicht.

 

Zwei interessante Rezensionen habe ich gefunden beim Independent und Deutschlandfunk

 

 

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Cover „Der Lemur“

 

Rowohlt Paperback

ISBN 978 3 499 25321 8

Reinbek bei Hamburg

 

 

 

 

Eine Entdeckung fürs Leben: der Autor John Fante

Ausgemusterte Literatur

Manche der Bücher in meinen Regalen tragen einen Büchereistempel:“Ausgeschieden“ oder „Ausgeschiedenes Medium“.

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Literatur-ausgeschieden

Bücher, die ich nicht mehr missen  möchte und die ich immer wieder  zur Hand nehme; sie sind mit  ganz bestimmten  Lebenssituationen verbunden, sie  füllen Erinnerungslücken. In der  Stadtbibliothek Sindelfingen  existierte die tolle Praxis, dass  noch vor dem Eingang  Bananenkisten voller  ausgemusterter Bücher und  Zeitschriften standen, die man  gegen eine kleine Spende  mitnehmen konnte. Auch  Privatpersonen brachten hierher  ihre nicht mehr benötigten  Exemplare und  „Hinterlassenschaften“. Ich denke es war 1994 oder 1995, als ich in einer der Kisten zwei dünne Goldmann-TB-Romane entdeckte, mit besagtem Stempel, ausgemustert zur freien Verfügung:

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„gerettete“ Ausgabe
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ebenfalls „gerettet“

 

 

 

 

 

 

John Fante: Ich – Arturo Bandini und John Fante: Warten auf Wunder                 beide in Ausgaben von 1990 und des etwas heruntergekommenen Zustandes wegen wohl nicht mehr für die Ausleihe tauglich.

Ich hatte von diesem, 1909 geborenen Autor John Fante noch nie etwas gehört und es müssen wohl ein paar markante Sätze gewesen sein, die mich damals beeindruckt haben, wie das halt bei Büchern ist, sie passen gerade in eine vorherrschende Befindlichkeit, sie treffen genau eine Stimmungslage, in der man sich befindet oder der man bereitwillig folgen kann.

Sätze wie: „Die mageren Tage der Entschlossenheit. Das war das richtige Wort dafür, Entschlossenheit: Arturo Bandini zwei Tage hintereinander vor seiner Schreibmaschine, zum Erfolg entschlossen; aber es funktionierte nicht, die längste Belagerung seines Lebens, voller harter und schneller Entschlossenheit und nicht eine einzige Zeile kam dabei heraus, nur ein Wort wieder und wieder über die Seite geschrieben, rauf und runter, das gleiche Wort: Palmbaum, Palmbaum, Palmbaum, eine tödliche Schlacht zwischen dem Palmbaum und mir und der Palmbaum siegte: da draußen schwankte er in der blauen Luft, ächzte süß in der blauen Luft. Der Palmbaum siegte nach zwei Tagen harten Kampfes und ich kroch aus dem Fenster und setzte mich an den Fuß des Baumes. Zeit verging, ein Augenblick oder zwei und ich schlief; kleine braune Ameisen taten sich in den Haaren meiner Beine gütlich….“ oder

„Ich ging in mein Zimmer hoch, ging die staubigen Stufen von Bunker Hill hoch, vorbei an den rußbedeckten Holzhäusern entlang dieser dunklen Straße; Sand und Öl und Schmiere erstickten die nutzlosen Palmen, die wie sterbende Gefangene dastanden, angekettet an ein kleines Fleckchen Erde, ihr Füße unter schwarzem Pflaster verborgen. Staub und alte Häuser und alte Leute, die am Fenster sitzen, alte Leute, die aus Türen schlurften, alte Leute, die sich schmerzerfüllt durch die dunkle Straße schoben, aus Boston und Kansas City und Des Moines, sie verkauften ihr Zuhause und ihre Läden und sie kamen mit Zug und Auto in das Land der Sonne, um im Sonnenschein zu sterben, mit gerade genug Geld, um solange durchzuhalten, bis die Sonne sie tötete….“

Schreiben und Überleben

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John Fante

Heute weiß ich, dass der von italienischen      Immigranten abstammende, in Los Angeles l  lebende Autor John Fante zu den großen  Westcoast-Autoren der USA zählt wie Scott  Fitzgerald, Raymond Chandler, Norman Mailer,  Charles Bukowski.

Ich mag seine Romane, fünf hat er geschrieben mit seinem Alter Ego und Protagonisten Arturo Bandini, ein Möchtegern-Autor, der alle möglichen Jobs annehmen muss, um überleben zu können, ein einsamer Wolf und Frauenfreund. Die Zeit der großen Depression lebt auf, traurig oft, melancholisch, aber voller Menschenliebe und auch Humor, der den Schmerz überwältigt. Seine Sprache ist schnörkellos, von großer Offenheit und Klarheit.

Den Ausdruck „Kultautor“, mit dem man heute John Fante oft bezeichnet, finde ich unglücklich gewählt, so als sei unverhältnismäßige, überschwängliche Bewunderung dabei vorherrschend, oder als sei er eben der Autor einer obskuren Fangemeinde.

Erst unterschätzt, dann angesehener Westcoast-Autor

John
Der Schriftsteller und sein Sohn Dan, heute ebenfalls Autor

John Fante hat seine Anerkennung erst nach seinem Tod erfahren. Er hatte sich eine Zeit lang mit dem Verfassen von Drehbüchern beschäftigt, sich aber immer als Prosaautor gefühlt und bezeichnet. Die autobiografische Fiktion ist sein Genre, der Kampf der Einwanderer, speziell der italienischen, um einen anerkannten Platz in der fremden Welt. „I used to live on Bunker Hill.“, schreibt er in einem Artikel in der LOS ANGELES TIMES, „It was my first home in this incredible city, that was in 1932, a time of dreams for me, and of poverty. I had a typewriter and a stack of white paper…“

Einen ersten Erfolg hatte John Fante mit dem 1939 erschienen Roman Ask the Dust(deutsch: Ich- Arturo Bandini), seine weiteren Bandini-Romane konnten daran nicht anschließen. Fante arbeitete daraufhin als Drehbuchautor mit wechselndem Erfolg. Wie so viele seiner Schriftsteller-Kollegen hatte er Alkoholprobleme, an seinem Lebensende war er erblindet und schwer zuckerkrank, sodass ihm beide Beine amputiert werden mussten.

Um 1980 und nach seinem Tod 1983 kam es zu Neuauflagen seiner Bücher, seitdem wird er oft in einem Atemzug mit Charles Bukowski genannt, nicht zuletzt weil dieser auf die Bedeutung von John Fante hingewiesen und auch ein Vorwort zu Ask the Dust geschrieben hatte.

Persönlich finde ich, dass John Fantes Schreibweise und Weltsicht nichts mit dem Zynismus, schon gar nichts mit der Aggressivität und Misanthropie Charles Bukowskis gemein hat.

Alex Capus hat Neuübersetzungen bewerkstelligt, ich habe sie noch nicht gesehen, ich laufe ja nicht unbedingt jeder neuen Übersetzung gleich nach, vielleicht kann mir jemand von den Lesern etwas dazu sagen.

Dümmlich und am Wesentlichen vorbei finde ich jedenfalls den Klappentext der Neuausgabe: „Schöne Frauen und schneller Ruhm: das ist es, was den jungen Arturo Bandini interessiert….“

Mit Attributen wie „der meistunterschätzte amerikanische Autor“ oder „der berühmteste unbekannte Autor der USA“ wird John Fante immer wieder bedacht.

Ich freue mich, dass ich ihn ganz unwissend bei den schon „Aussortierten“ gefunden habe und dass er von vielen noch immer geschätzt wird, insbesondere auch von der italoamerikanischen Bevölkerungsgruppe. 2010 wurde in Los Angeles ein Platz nach John Fante benannt: John Fante Square.

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Straßenschild John Fante Square

Little Italy in Los Angeles um die St. Peters-  Kirche, so wie es in in seinen Büchern  beschrieben ist, gibt es nicht mehr. Dennoch  ist der Einfluss italienischer Kultur weiterhin  sichtbar. Auch das italienisch-amerikanische  Museum in der Stadt ist Garant dafür, dass  Herkunft und Erbe nicht aus den Augen  verloren werden.

 

 

John Fante war einer von ihnen, spät bekam  er seine Anerkennung, ist in den  amerikanischen Literatur-Kanon  aufgenommen worden und erhielt posthum 1987noch den PEN USA President’s award.

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Die Geburtstagsfeier, Das Zimmer: Das Interpretationsspektrum kann wie bei einem Rorschach-Test ins Unendliche tendieren.

Protestschrei gegen saturierte Spießer

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